Über 20.000 Ungarn gaben ihr Leben beim Aufstand vor 70 Jahren – angetrieben von dem Durst nach Freiheit und Gerechtigkeit
Am 23. Oktober jährt sich der Ungarnaufstand zum 70. Mal. Für die Ungarn ist er eines der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts, wird doch die Geschehenskette bis zum Einmarsch der Sowjet-Truppen am 4. November 1956 offiziell als „Revolution und Freiheitskampf“ bezeichnet – seltener als Volksaufstand. Die schicksalhaften Tage im ungarischen Herbst 1956 waren vor allem eins: ein Aufbäumen des Selbstbehauptungswillens der ungarischen Nation gegen die kommunistische Unrechtsherrschaft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ungarn von Sowjettruppen besetzt. Bis zum Tod des russischen Gewaltherrschers Josef Stalin 1953 wurde das Land mit einem Staatsterror durchzogen. Nach einer relativen Entspannung bis 1955 unter dem neuen Ministerpräsidenten Imre Nagy, der den Hardliner Mátyás Rákosi ablöste, wurden Arbeitslager und offene Terrorausübung abgeschafft. Doch der Geschasste konnte 1955 seinen Nachfolger stürzen, und es kam zu einem Revirement. Neben diesen Ursachen war die Rede von Nikita Chruschtschow auf dem Parteitag der KPdSU im Februar 1956 eine Ermutigung. Hier rechnete der Generalsekretär mit den Folgen des Stalinismus ab. Im Sommer wurde Rákosi abgesetzt und durch seinen treuesten Verbündeten Ernő Gerő ersetzt, was die Gemüter aber nur teilweise beruhigen konnte.
Die Entstalinisierung sorgte für ein Tauwetter auch in den internationalen Beziehungen. Ungarn etwa konnte im Dezember 1955 Mitglied der Vereinten Nationen werden. In Folge der Entspannungspolitik wurden auch die Außenbeziehungen neu justiert. Insbesondere die Neutralität Österreichs ab 1955 wurde als Argument vorgebracht, dass von dort keine westlichen, imperialistischen Einflüsse mehr drohten. Die Regierung beschloss am 9. Mai 1956 offiziell den Abbau der Grenzbefestigungsanlagen in Richtung Österreich. In Wahrheit bedeutete dieser Abbau allerdings nur die Entfernung der Tret- und Kontaktminen an der Grenze zu Österreich. Bis zum 19. September 1956 wurden alle Minen erfolgreich entfernt und dies am 6. Oktober auch bekanntgemacht. Genau diese Umstände sollten für die späteren Fluchtbewegungen eine große Bedeutung haben.
Katalog freiheitlicher Forderungen
Neben diesen langfristigen Ursachen gab es eine Reihe an konkreten Anlässen, die unmittelbar zum Ungarnaufstand führten. Das Staatsbegräbnis für den 1949 verurteilten und hingerichteten früheren Innenminister László Rajk am 6. Oktober 1956 war ein solches Momentum. Nach der offiziellen Rehabilitierung und im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem Staatsbegräbnis, das sich mit 100.000 Teilnehmern zu einer Massendemonstration auswuchs, formulierten bereits Studenten, Intellektuelle und Schriftsteller ihren Widerstand gegen das Regime. Ebenso dürfte für die Euphorie eine Rolle gespielt haben, dass nach den Posener Juni-Aufständen in Polen der Antistalinist Władysław Gomułka am 21. Oktober 1956 zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei in Polen gewählt wurde. Er war so etwas wie der polnische Counterpart des gemäßigten Kommunisten Imre Nagy.
Bereits am 22. Oktober kam es zu diversen studentischen Versammlungen, auf denen man mehr Freiheiten forderte. Es wurden 16 Punkte für ein freies und demokratisches Ungarn formuliert. Man verlangte den sofortigen Abzug der Sowjettruppen, Garantie der persönlichen Freiheit und vor allem ein Mehrparteiensystem. Am Abend des 23. Oktober 1956 versammelten sich die ersten Demonstranten auf dem Bem-Platz in Buda, um ihre Solidarität mit dem polnischen Volk kundzutun. Der Ort war kein Zufall: Auf dem berühmten Platz am Donauufer steht die Statue des polnischen Generals Józef Bem, der beim Volksaufstand 1848/1849 auf Seiten der Ungarn kämpfte. Der Platz ist zentral für die polnisch-ungarischen Beziehungen. Die etwa 200.000 Demonstranten verlasen ihre Forderungen in den frühen Abendstunden und zogen sodann nach Pest, um am Parlamentsgebäude Imre Nagy ihre Aufwartung zu machen. Der frühere Ministerpräsident erschien auf dem Balkon und hielt eine kurze Ansprache. Bis dahin blieb alles friedlich.
Doch eine andere Gruppe von Demonstranten forderte am Gebäude des ungarischen Rundfunks die Verlesung der 16-Punkte-Erklärung. Die hierzu in das Rundfunkhaus abgesandte Delegation wurde jedoch umgehend festgenommen. Als man deren Freilassung forderte, eröffneten Vertreter der Staatspartei unterstellten Staatssicherheitskräfte ÁVH das Feuer auf die friedliche Gruppe: Die Folge waren mehrere Todesopfer. Erst dieser Initialfunke brachte die Entwicklung als bewaffneten Volksaufstand ins Rollen. Viele Angehörige der regulär bewaffneten Kräfte liefen zu den Demonstranten über. Bereits am Morgen des 24. Oktober 1956 wurde Imre Nagy zum Vorsitzenden des Ministerrats ernannt. Doch die Kämpfe gingen weiter. Die Vertreter der ÁVH eröffneten am 25. Oktober erneut das Feuer auf eine friedliche, auch aus Frauen und Kindern bestehende, Gruppe am Parlamentsgebäude. Immer mehr Einheiten des Militärs schlugen sich auf die Seite der Aufständischen, legendär wurde Oberst Pál Maléter, der einen ruhmreichen Kampf gegen die einrückenden sowjetischen Panzer bestritt.
Der Volkszorn verübte Selbstjustiz
In Folge der blutigen Kämpfe musste Gerő abtreten und Imre Nagy bildete seine Regierung nun auch mit Nichtkommunisten um. Die parallel hierzu geführten Verhandlungen mit den Sowjets stimmten die ungarische Führung hoffnungsfroh. Am 28. Oktober wurde angekündigt, dass die sowjetischen Truppen abziehen würden. Am Tag darauf löste Nagy die ÁVH auf. Deren Mitglieder wurden aber wo immer möglich vom Volkszorn erfasst und öffentlich hingerichtet. Auch diese Episode gehört zur komplexen Geschichte.
Der Volksaufstand schien mit dem Abzug der Truppen am 29. Oktober erfolgreich gewesen zu sein. Nach einer weiteren Kabinettsumbildung mit nunmehr einer gleichen Anzahl an Kommunisten und Nichtkommunisten am 30. Oktober erklärte Nagy die Abschaffung des Machtmonopols der kommunistischen Partei und stellte ein Mehrparteiensystem in Aussicht.
In die Falle der Sowjets getappt
Auch außenpolitisch nahm das revolutionäre Ungarn neue Weichenstellungen vor: Am 1. November 1956 erklärte Nagy den Austritt aus dem Warschauer Pakt und proklamierte die Neutralität. Zur Überraschung kam mit diesem Schritt der sowjetische Truppenabzug zum Erliegen. Es wurden sogar neue Truppenverbände nach Ungarn geleitet. Sie besetzten nun strategische Stellungen. Während weitere Sowjettruppen das Land fluteten – am 3. November waren bereits 2.500 Panzer im Lande – wurden die offiziellen Verhandlungen über den Abzug weitergeführt. Es schienen nur noch einzelne technische Fragen geklärt werden zu müssen. Jedoch verlangten die Sowjets, dass die Verhandlungen an ihrem Stützpunkt in Tököl fortgesetzt werden sollten. Mehrere Minister, darunter der zum Verteidigungsminister avancierte Pál Maléter, wurden dort hochrangig empfangen und zu ihren Ehren sogar ein Bankett gegeben. Doch nach Mitternacht wurden die Vertreter der ungarischen Delegation durch NKWD-Kräfte plötzlich festgenommen. Die Sowjets hatten einmal mehr mit gezinkten Karten gespielt, den Ungarn eine falsche Sicherheit vorgegaukelt und sie schließlich in das offene Messer rennen lassen.
Am Morgen des 4. November wandte sich Ministerpräsident Imre Nagy in einer dramatischen Radioansprache an die internationale Gemeinschaft. Er adressierte direkt den Generalsekretär der Vereinten Nationen mit der Bitte, Ungarn zu helfen. Das Land stünde im Kampf. Doch es war zu spät: Ein gewaltiger Aufmarsch sowjetischer Panzer in den frühen Morgenstunden erreichte die Hauptstadt. Die ungarischen Einheiten, Freiwillige und bewaffnete Bürger kämpften verzweifelt, doch gegen die russische Übermacht konnten sie nicht ankommen. Ministerpräsident Imre Nagy floh in die jugoslawische Botschaft. Die Ungarn leisteten erbitterten Widerstand, einige Verbände kämpften noch bis Anfang Dezember. Allein in den Gefechten ab dem 4. November starben 25.000 Menschen, darunter etwa 20.000 Ungarn und 5.000 Sowjets.
Schon in den frühen Morgenstunden begaben sich schließlich Hunderte von verzweifelten Ungarn in Richtung österreichische Grenze. Sie gingen im Niedermoorgebiete Süd-Waasen zu Fuß über die ungesicherte und unverminte Grenze nach Österreich. In den folgenden Wochen verließen etwa 200.000 Menschen das Land. Ein Großteil von ihnen durchwatete das modrige Marschgebiet und kam erschöpft, aber doch in der ersehnten Freiheit im österreichischen Burgenland an. Die berühmt-berüchtigte Brücke von Andau diente als Rettungsanker, denn selbst nach der Sprengung am 21. November konnte man immer noch über die Reste steigen. Zudem halfen zwei ungarische Schilfbaggerschiffe, die Flüchtlinge über die grüne Grenze zu bringen. Unvergessen blieb die Hilfsbereitschaft der österreichischen Bevölkerung. Viele Ungarn blieben dauerhaft in Österreich sowie in Deutschland und bereicherten ihre neue Heimat mit Wissen und Erfahrung, doch auch mit dem Memento für die verbrecherische sowjetische Unterdrückung.
Der nächste Verrat der Russen
Bereits am 4. November um sechs Uhr morgens meldeten sich ehemalige Mitglieder der Nagy-Regierung, an der Spitze János Kádár, mit der Radiobotschaft, eine neue Regierung gebildet zu haben. In den Tagen zuvor wurden sie in Moskau auf ihre neue Rolle eingeschworen. Die Nachricht im Radio setzte Kádár aus dem ostungarischen Szolnok ab, erst Tage darauf wurde seine Regierung auch offiziell ernannt. Es wurde schnell klar, dass Kádár mit den Sowjets gemeinsame Sache gemacht hatte und nun für seinen Verrat an der ungarischen Revolution reich belohnt werden sollte. Er erklärte, selbst die Sowjets um Unterstützung gebeten zu haben, um die reaktionären Kräfte zu vernichten. Genauso wurde der Volksaufstand bis 1989 bezeichnet, nämlich als „Konterrevolution von reaktionären Kräften“. Dem Botschaftsflüchtling Imre Nagy und seinen Mitstreitern wurde freies Geleit zugesichert. Doch auf der Straße wurden sie sofort von den Sowjettruppen verhaftet und im rumänischen Snagov interniert. Die nächste hinterlistige, tödliche Sowjetfalle. Denn nach einem billigen Schauprozess wurden der einstige Ministerpräsident und seine Gefährten am 16. Juni 1958 hingerichtet. Seine Neubestattung fand am 16. Juni 1989 statt und entwickelte sich zu einem wahren Politikum im Jahr der Wende. Doch das ist eine andere, weitere Geschichte ...