In nur noch fünf Tagen ist es soweit: Die ungarischen Parlamentswahlen am Sonntag werden auch international mit größter Spannung erwartet. Erwartet wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Regierungsparteien Fidesz-KDNP um Ministerpräsident Viktor Orbán und die Oppositionspartei Tisza des Herausforderers Péter Magyar.

 

Die polarisierte ungarische politische Landschaft mit ihrer Konkurrenzdemokratie ermöglicht immer eine klare Entscheidung, der Wähler kann sich immer zwischen genau zwei Alternativen entscheiden. Demgemäß kommt es zu einem Wechsel – oder eben nicht. Dieses Mal ist die Entscheidung im Wesentlichen eine Richtungsentscheidung pro oder contra Viktor Orbán. Die oppositionelle Tisza-Partei mit dem erratischen Péter Magyar ist nur ein Vehikel der Unzufriedenen, ihrer Stimmung an der Wahlurne Ausdruck zu verleihen. Sicherlich gibt es viele ungarische Wähler, die Viktor Orbán ablösen möchten, doch mindestens genauso viele, wenn nicht mehrere, die denken, dass das Land mit dem aktuellen Ministerpräsidenten eigentlich ganz gut aufgehoben ist und ihn demgemäß unterstützen werden.

Ausdruck findet diese kontroverse Beurteilung in einer Reihe von ganz Europa bewegenden Themen, die jeder ungarische Wähler für sich selbst beantworten kann. Es geht hierbei um die großen Fragen der Zeit wie Krieg oder Frieden, Ausgeliefertsein oder Sicherheit, Abkapselung von Wirtschaftsbeziehungen oder gesicherte Kontakte und damit Energieversorgung, Migration oder Selbstbehauptung der eigenen kulturellen Identität, Genderpolitik oder Schutz der Familien, Abhängigkeit von EU-Beihilfen oder Wertschöpfung aus eigener Kraft. Ganz konkret bedeutet dies für die Ungarn auch, ob sie weiter an ihrer arbeits- und eigentumsorientierten Gemeinschaft arbeiten wollen, in der man in Ruhe, Ordnung, Stabilität, Sicherheit und Frieden aus eigener Anstrengung vorwärtskommen will oder aber sich einer Subventions- und Versorgungsmentalität hingeben will, die vor 2010 schon einmal Einzug gehalten hatte.

Wen die Verantwortlichen der EU und der Ukraine gerne auf dem Stuhl des ungarischen Ministerpräsidenten sehen würden, haben sie schon mehr als einmal klar zum Ausdruck gebracht, nämlich den als Hoffnungsträger gehypten Herausforderer Péter Magyar. Die Ungarn hingegen sind sich überwiegend nicht ganz sicher, ob sie dessen Verheißungen glauben sollten, selbst bei den eigenen Anhängern sind sich viele beim Oppositionsführer unsicher, ob man ihm in diesen stürmischen Zeiten die Führung des Landes anvertrauen könne. Viktor Orbán erscheint für viele Wähler als die sichere Wahl, ein Kapitän, dem man das Schiff in stürmischen Gewässern guten Gewissens in die Hände legen kann. Es scheint, dass die internationalen Krisen keine Experimente dulden, da verlässt man sich lieber als das Sichere, das man hat.

In den letzten Tagen und Stunden sollte man den Meinungsforschungsinstituten nur mit Bedacht Vertrauen schenken, insbesondere diejenigen, die mit einer 90%-Wahlbeteiligung hantieren. Erfahrungsgemäß liegt diese wohl eher bei 70-75%. Wichtig ist auch, dass die Wahl in den 106 Einzelwahlkreisen entschieden wird, wer die Mehrheit dieser erringt, hat wohl auch die Parlamentsmehrheit im 199-köpfigen Gremium inne. Nach jüngsten Berechnungen dürften die Regierungsparteien um Fidesz und KDNP bei dieser wichtigen Bezugsgröße die Nase vorne haben – aber Vorsicht, abgerechnet wird am Wahltag spätabends, nachdem auch der letzte Wähler seine Stimmung abgegeben hat. Alles andere wäre respektlos vor dem Souverän. Aller Voraussicht nach werden wir erst gegen 23.00 Uhr oder noch später ein Ergebnis haben – meine ausführliche Analyse folgt am Montag, meine Kolumne am Dienstag.