Nach dem langen Wochenende Ende Oktober in Ungarn (und in Österreich) vermelden die Agenturen eine erstaunliche Nachricht: Dem ehemaligen Ministerpräsidenten Ungarns, Viktor Orbán, werden gute Chance eingeräumt, nächster UN-Generalsekretär zu werden. Doch das Nominierungsverfahren und aktuelle politische Debatten dürften die Kandidatur ziemlich erschweren.
Zwar hieß es auch US-Regierungskreisen, der im April 2026 abgewählte ehemalige ungarische Ministerpräsident sei wegen seines harten Migrationskurses, der strikten Ablehnung der Genderbewegung und seines selbstbewussten Eintretens für souveräne Nationen so etwas wie ein Idealkandidat für Washington, doch ist Orbán für viele Europäer wohl eher ein Schreckgespenst. Auch China und Russland sollen mit zu den Unterstützern gehören.Nach den UN-Statuten muss ein Mitgliedsland der Vereinten Nationen eine Person formell nominieren, nicht notwendigerweise das Heimatland des Kandidaten, doch praktischerweise ist dies politisch mehr als wünschenswert. Historisch gesehen wurden die Bisherigen immer von ihrem eigenen Land vorgeschlagen, doch im aktuellen Kandidatenkarussell gibt es immer wieder nicht von ihren Heimatländern Nominierte. Es lässt sich zum gegenwärtigen Augenblick schwer sagen, ob die neue ungarische Regierung, die sich als bewusster Gegenentwurf zum abgewählten Orbán versteht, eine solche Nominierung vornehmen würde – wohl eher nicht.Danach erst muss der UN-Sicherheitsrat diese Person auch offiziell empfehlen, mit neun von 15 Stimmen, wobei die ständigen Mitglieder (USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich) ein Veto haben. Sollte Orbán nach einer von wem auch immer erfolgten Nominierung in der Tat von den USA, Russland und China aufs Schild gehoben werden, könnten die aktuellen Mitte-Links-Regierungen in London und Paris ein rechtliches Veto erheben oder die ungarische Regierung ein politisches. Zu Macron soll der Ex-Premier aber ein gutes persönliches Verhältnis unterhalten, wie durch einen Zufall verbrachte er das lange Wochenende in Paris.
Aufwendiges Prozedere
Am Ende steht die formale Bestätigung durch die Vollversammlung. Sollte ein Kandidat neun von 15 Stimmen im Sicherheitsrat auf sich vereinigen können und auch kein Veto der fünf ständigen Mitglieder bekommen, so dürfte eine Wahl fast nur noch als Formsache gelten. Jedes Mitgliedsland hat dort eine Stimme und obzwar Orbán unter den europäischen Regierungen viele Feinde hat, so kann sich sein Bündnissystem in globaler Hinsicht durchaus sehen lassen.
Fraglich ist aber, ob die Mitgliedsländer der Europäischen Union, in erster Linie die Vetomacht Frankreich, aber auch die nicht ständigen Sicherheitsratsmitglieder Dänemark, Griechenland, Lettland in Orbán einen europäischen und daher unterstützungswürdigen Kandidaten sehen oder aber sich gerade aufgrund dessen europakritischer Regierungsführung nicht für ihn begeistern können. Macron ist Zentrist und die drei anderen Länder haben Regierungschefs, die den Sozialdemokraten (Dänemark), der Europäischen Volkspartei (Griechenland) und den Europäischen Konservativen und Reformern (Lettland) angehören – alles keine Verbündeten Orbáns, doch mit keinem der Länder hatte Ungarn unter Orbán in letzter Zeit große Konflikte.
Alles in allem bleibt es spannend. Können Parteizugehörigkeiten entscheidend sein? Vertreten die Länder ihre Interessen oder handeln sie gemeinsam als Europäer? Nützt oder schadet es