Der Erdrutschsieg der oppositionellen Tisza-Partei bei den Parlamentswahlen in Ungarn am 12. April 2026 konnte nach Auszählung aller Stimmen noch weiter ausgebaut werden. Tisza erhielt 53,18% und mit 3.385.890 Stimmen den historisch höchsten Stimmenstand, den jemals eine Partei in Ungarn erzielen konnte.

 

Bei den Einzelwahlkreisen holte Tisza 96 von 106 direkt. Insgesamt verfügt sie mit 141 Abgeordneten über eine Zweitdrittelmehrheit.

Die bisherigen Regierungsparteien Fidesz-KDNP kamen als Listenverbindung auf 2.458.337 Zweitstimmen, was einem Ergebnis von 38,61% und 52 Abgeordneten gleichkommt. Sie gewannen nur zehn Wahlkreise. Als dritte Partei wird Unsere Heimat in der Ungarischen Nationalversammlung mit sechs Mandataren vertreten sein, sie erhielt 5,63% (358.372 Stimmen). Sonstige kamen auf 1,92%, zusammen 122.263 Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei historisch hohen 78,99%. In der Ungarischen Nationalversammlung sind damit nur Parteien rechts der Mitte vertreten, linke, liberale und grüne Parteien sind ausgeschieden. Dem Wahlgewinner Péter Magyar gelang zunächst der Oppositions-, dann der Regierungswechsel.

Anders als bisher reüssierten die Ungarndeutschen nicht, einen vollwertigen Abgeordneten zu entsenden. Die hierfür erforderliche Hürde konnten sie nicht nehmen, ebenso wenig wie die anderen zwölf autochthonen Nationalitäten des Landes. Die Zahl der an der Abstimmung teilnehmenden Auslandsungarn (ungarische Staatsbürger ohne Wohnsitz in Ungarn) bezifferte sich auf 335.595 Stimmen, hierbei kam Fidesz auf 84,22%. Anders war es bei den an den ungarischen Konsulaten abgegebenen ca. 85.000 Stimmen, diese gingen haushoch an Tisza.

Keine radikale Wende erwartet

Die konstituierende Sitzung der 10. Ungarischen Nationalversammlung wurde auf den 9. Mai 2026 anberaumt, an diesem Tag leisten die Abgeordneten ihren Eid. Den Plänen zufolge soll an diesem Tag Péter Magyar zum 9. frei gewählten Ministerpräsidenten gewählt werden, hierzu ist eine Mehrheit von 100 Abgeordneten erforderlich. Diese Hürde dürfte für Magyar kein Problem darstellen. Für denselben Tag wird ein großes Volksfest geplant, am 9. Mai ist ja auch Europatag. Der neue Ministerpräsident machte sich schon letzte Woche mit Elan an seine Reformen.

Anders als von vielen erhofft wird der neue Ministerpräsident keine radikale Wende in den für viele Ungarn wichtigen Fragen wie Migration, Ukraine, Familienpolitik vornehmen, sondern lediglich Korrekturen in Stil und Kommunikation bewerkstelligen. In erster Linie sind dies Maßnahmen zur besseren Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, um auch die festgesetzten EU-Mittel zu erhalten. Die Regierung steht unter einem hohen Erfolgsdruck und muss einen Spagat zwischen den Wahlversprechen, den Erwartungen der eigenen Wählerschaft, der internationalen Partner und den Realitäten hinbekommen. Es erscheint gut möglich, dass Tisza dieser Balanceakt durchaus gelingen könnte. Damit könnte die designierte Regierung viele bisherige Fidesz-Wähler von sich überzeugen, es könnte eine asymmetrische Demobilisierung eintreten, was wiederum gefährlich für die bisherige Regierungsparteien wäre.

Es kann aber auch ganz anders kommen und die abgewählte Fidesz könnte mit Macht zurückkommen, wenn die Tisza-Wähler enttäuscht werden. Fidesz jedenfalls steht eine radikale Erneuerung bevor. Noch-Ministerpräsident Viktor Orbán verkündete, dass die Zusammensetzung der Fraktion ganz anders als bisher aussehen soll und nun alle Listenplätze zur Disposition stünden. Es müssten jetzt neue Gesichter für einen Neustart sorgen, so Orbán.