Das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit organisierte vom 22. bis 26. Juni 2026 eine Studienreise nach Eupen, Ostbelgien, für acht MCC-Studenten. Die Gruppe wurde von Bence Bauer, Direktor des Deutsch-Ungarischen Institutes, von Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Professor emeritus für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der TU Chemnitz und Visiting Fellow am MCC, sowie von Eszter Grifatong, Projektkoordinatorin des Deutsch-Ungarischen Institutes begleitet.

Zu Beginn des Programms besprach sich die Gruppe im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens mit Dr. Philipp Siegert, dem stellv. Forschungsdirektor des MCC Brussels. Während des ungebundenen, doch fachlichen Gesprächs verschafften sich die Anwesenden einen detaillierten Überblick über die Rolle des Instituts in Brüssel und dessen wesentliche Aufgabenbereiche. Im Gespräch wurde besonders die spezifische politische Struktur Belgiens betont und die Studenten erhielten zudem einen tieferen Einblick in die einzigartige sprachliche und kulturelle Vielfalt des Landes. Dieser direkte Erfahrungsaustausch erwies sich als hervorragende Grundlage für das Verständnis der Entscheidungsprozesse und institutionellen Abläufe in Brüssel.

Der zweite Tag begann in Kelmis, wo die Studenten das Museum Vieille Montagne besuchte, in der Direktor Jan Cetinkaya ihnen die Geschichte von Kelmis näherbrachte. Sie haben die besondere Geschichte von Neutral-Moresnet kennengelernt, das wegen den Zinkminen zustande kam und ein von Belgien und Preußen gemeinsam verwaltetes, neutrales Gebiet war. Die Museumsführung veranschaulichte eindrucksvoll, welche bedeutende Rolle der Bergbau für die Entwicklung der Region gespielt hat. Anschließend unternahm die Gruppe einen Spaziergang durch den nahegelegenen Park, in dem die Spuren des ehemaligen Bergbaus bis heute in der Natur sichtbar sind. Dort konnten die Teilnehmer Pflanzenarten beobachten, die sich an die metallreichen Böden angepasst haben und so bis heute an die industrielle Vergangenheit der Landschaft erinnern. Im Anschluss reiste die Gruppe nach Aachen, wo sie den berühmten Aachener Dom und seine Domschatzkammer besichtigte. Während der Führung lernten die Studenten die außergewöhnliche Bautechnik des Doms kennen. Darüber hinaus wurde ihnen die Ungarische Kapelle vorgestellt, deren Errichtung auf eine Stiftung König Ludwigs des Großen anlässlich seiner Pilgerreise im Jahr 1364 zurückgeht.

Am dritten Tag besuchte die Gruppe das Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Dort hielt Daniel Niessen, Referatsleiter für Standortmarketing, einen Vortrag über das politische System Ostbelgiens und die Besonderheiten der Region. Niessen ging insbesondere auf die Herausforderungen ein, mit denen die deutschsprachige Gemeinschaft als Minderheit in Belgien konfrontiert ist, und erläuterte die Funktionsweise der Region. Anschließend sprach Leon Falkenberg, Berater für Außenbeziehungen der Regierung Ostbelgiens. Er erläuterte die Grundlagen der internationalen Beziehungen der Deutschsprachigen Gemeinschaft, den Aufbau der Regierung sowie die Sitzverteilung im Parlament. Falkenberg hob die Bedeutung junger Menschen hervor und stellte die Möglichkeiten vor, wie sie sich am politischen Leben beteiligen und dieses aktiv mitgestalten können. Darüber hinaus wurden aktuelle politische Themen wie Migration und Familienförderung diskutiert.

Anschließend besuchten die Studenten das Stadtmuseum von Eupen, wo sie die traditionsreiche Geschichte der Textilindustrie der Region kennenlernten. Am Nachmittag traf die Gruppe Michel Margraff, Referenten für grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Regierung Ostbelgiens. Im Rahmen eines Vortrags und einer offenen Diskussionsrunde erweiterten die Teilnehmer ihre Kenntnisse über die Programme der Interreg-Großregion und der Interreg-Maas-Rhein-Region für die Förderperiode 2021–2027. Zudem wurde erläutert, wie grenzbedingte Hindernisse überwunden werden können, um gemeinsame Projekte zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen. Darüber hinaus erhielten die Studierenden Einblicke in die verschiedenen thematischen Förderschwerpunkte, insbesondere in bürgerorientierte Entwicklungsprojekte.

Der vierte Tag begann mit einem Besuch bei Volker Klinges, Geschäftsführer der Aved Industrie- und Handelskammer Ostbelgien. Im fachlichen Teil des Gesprächs wurden die bilateralen Handelsbeziehungen zwischen Belgien und Ungarn erörtert, die sich durch einen relativ ausgeglichenen und stark industriell geprägten Warenaustausch – insbesondere in den Bereichen Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie und Elektronik – auszeichnen. Laut den Daten von 2024 beläuft sich das Handelsvolumen auf fast 2,4 Milliarden US-Dollar, womit Ungarn den 25. Rang unter den internationalen Partnern Belgiens einnimmt; dabei fungiert Ungarn als wichtiger mitteleuropäischer Produktionsstandort und Belgien als zentrale Logistikdrehscheibe, während rund 300 belgische Unternehmen (wie die K&H Bank im Finanzsektor) auf dem ungarischen Markt aktiv sind. Zudem wurde vonseiten des Gesprächspartners nachdrücklich betont, dass in Belgien ein spürbarer Fach- und Arbeitskräftemangel herrscht, weshalb man die Studenten ermutigte, dort eine Beschäftigung aufzunehmen. Im Anschluss setzte die Gruppe ihr Programm im Staatsarchiv Eupen fort. Dort traf sie den Leiter des Zentrums für Ostbelgische Geschichte ZOG, Dr. Nicholas Williams, den stellvertretenden Leiter Dr. Tobias Dewes, sowie Els Herrebout, die Leiterin des Staatsarchivs, die den Studenten das moderne Organisations- und Archivierungssystem erläuterten. Danach besuchten die Studenten den Hauptsitz des Belgischen Rundfunks (BRF), der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Im Rahmen einer Präsentation erhielten sie Einblicke in die Struktur der 1945 gegründeten Institution, die rund siebzig Mitarbeiter beschäftigt und neben Eupen auch Standorte in Brüssel und St. Vith unterhält. Während des Vortrags wurden die Teilnehmer ausführlich über die unabhängige Berichterstattung informiert, die sich insbesondere auf aktuelle politische, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen in Ostbelgien und den angrenzenden Regionen konzentriert. Den Abschluss des Besuchs bildete eine Führung durch ein Radiostudio sowie die Fernsehstudios des Senders.

Der letzte Tag endete mit Begegnungen mit hochrangigen Politikern. Die Studenten nahmen an einem Gespräch mit Karl-Heinz Lambertz, dem ehemaligen Ministerpräsidenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, sowie mit Linda Zwartbol, der Präsidentin der SP, teil. Lambertz erläuterte die rechtliche Stellung der Sprachgemeinschaften in Belgien und legte dabei besonderen Schwerpunkt auf die Autonomiebestrebungen der deutschsprachigen Gemeinschaft, die er mit seinem Konzept eines „Belgien zu viert“ charakterisierte. Darüber hinaus erhielten die Teilnehmer Einblicke in die historischen Besonderheiten der Region und besichtigten anschließend das Parlamentsgebäude, das mit seinen lediglich 25 Abgeordnetensitzen eine Besonderheit innerhalb Europas darstellt.