Seit 2020 bemüht sich das Deutsch-Ungarische Institut des Mathias-Corvinius Collegium mit seiner Reihe „Beiträge zur deutsch-ungarischen Verständigung“ um neue Blickwinkel auf das Land im Karpatenbecken. Nach dem vom Institutsleiter Bence Bauer verfassten Essayband „Ungarn ist anders“ und dem Sammelband „Ungarische Wegmarken“ (beide 2024), in dem sich die wissenschaftlichen Institutsmitarbeiter mit verschiedenen ungarischen Politikaspekten wie Migration, Europa- und Sozialpolitik auseinandersetzten, ist nun innerhalb kürzester Zeit mit „Ungarn, Europa und die Welt“ eine neue Anthologie erschienen.
Anders als bei den bisherigen Erscheinungen, nähern sich in diesem Band die am Deutsch-Ungarischen Institut angesiedelten Gastwissenschaftler dem Thema der ungarischen Außenpolitik im Zeichen der „Konnektivität“ (Bálazs Orbán) – also der Vernetzung des Landes mit möglichst vielen Akteuren unter Vermeidung einer klaren Blockzugehörigkeit – auf essayistisch verschlungenen Wegen an.
Zunächst setzen sich der Historiker Hans-Christof Kraus, der Rechtswissenschaftler Christian Hillgruber und der Politologe Heinz Theisen mit den weltpolitischen Umbrüchen seit 1990 auseinander. Dabei deuten sie die Zäsuren des illusorischen „Endes der Geschichte“ (Francis Fukuyama) nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen 1989/1990, den clash of civilizations (Samuel P. Huntington) im Zuge von 9/11 und die „Zeitenwende“ des Ukraine-Krieges als Wegmarker für notwendige Kurswechsel in der aktuellen europäischen Politik.
So werden die systemimmanente Blockade des UN-Sicherheitsrates (Kraus), der Irrglaube an ein nicht an konkrete Machtinstanzen rückgekoppeltes Völkerrecht (Hillgruber) sowie die Überdehnung des Westens durch zu viele strategische NATO-Partnerschaften nach Osten bei fehlender Grenzsicherung nach Süden (Theisen) als Problembündel mit Reformbedarf ausgemacht. In Rückgriff auf die Historie dienen insbesondere die Zwischenkriegszeit mit ihrer Bündelung an lokalen militärischen Konflikten – von der Mandschurei (1931) über Abessinien (1935/36) bis ins Sudetenland (1938) – sowie die Machtlosigkeit des Völkerbundes in jener Dekade als mahnende Beispiele für von Machtrealitäten entkoppelte Normen und Institutionen.
Der zweite Teil der Anthologie widmet sich innereuropäischen gesellschaftlichen Sollbruchstellen, insbesondere der Identitätspolitik sowie der universitären Cancel Culture. Die Historikerin und Soziologin Sandra Kostner erforscht dabei Genese, Machtstrukturen und Funktionsweisen von Cancel Culture an den Universitäten und konstatiert eine unheilige Allianz aus militanten Aktivisten, Agendawissenschaftlern und furchtsamen Universitätsleitungen während Michael Kühnlein davor warnt, dass der Wunsch nach Katharsis und das Postulat „Nie wieder Rassismus und Gewalt“ leicht in einen „Liberalismus der Furcht“ umschlagen kann. Rainer Lisowski spricht in Rekurs auf Heraklit vor der Enantiodromie – ein Zuviel des Guten, bei dem Demokratisierung, Moralisierung und Technokratie in ihr Gegenteil verkehrt werden. Hier erscheint Ungarn als Ausnahme zu den im Westen zunehmenden Tendenzen der Überperfektionierung von Politik, Moral und Technik.
Aus ideengeschichtlicher Sicht behandeln ehemalige Visiting Fellows des Deutsch-Ungarischen Instituts schließlich philosophische Wegmarken der europäischen Geschichte, die bis heute in die politischen Diskurse um Europa Hineinwirken. Frank-Lothar Kroll definiert drei Axiome konservativer Politik – das Primat der Freiheit, soziale Verantwortung und Differenz der Nationen innerhalb der europäischen Ordnung – und weist dabei darauf hin, dass die Abgrenzung zum Liberalismus im 19. Jahrhundert teilweise in andere Richtung laufen, als dies heute in Abgrenzung zum Sozialismus und dessen Spielarten der Fall ist. Der schlanke Staat – die Kernidee des Liberalismus – steht beim Althistoriker Michael Sommer im Zentrum, der die lange Lebensdauer des römischen Imperiums mit dessen integrativer Kraft, zunehmender Rechtssicherheit und schlanken Verwaltungsstruktur begründet. Erst die steigenden Kosten des 3. Jahrhunderts hätten dessen Ende eingeläutet.
Die Analysen verorten sich im Umfeld einer Vielzahl neuerer Publikationen, die Bezüge zwischen Erstem Weltkrieg, Zwischenkriegszeit und den aktuellen Disruptionen der Machtpolitik herstellen. Trotz der fragmentierten Natur des Bandes sind die Fragen nach der konkreten Durchsetzbarkeit des Völkerrechts sowie die Kritik an den Risiken einer überzogenen Bemühung um Demokratisierung, Moralisierung und Technisierung, hochaktuell. Konnektivität, die Verbindung mit möglichst vielen internationalen Partnern im Namen des nationalen Interesses statt einer „wertebasierten Außenpolitik“, wie sie von Ungarn betrieben wird, erscheint hier als probates Mittel im sich neu ordnenden Mächtekonzert Europas. Damit liefert der Sammelband „Ungarn, Europa und die Welt“ interessante neue Denkanstöße zu aktuellen Debatten der Wissenschaftsfreiheit und Europapolitik.