Während die siegreiche Tisza-Partei von Péter Magyar fast jeden Tag eine neue Personalie für die zukünftige Regierung verkündet, sieht sich auch die unterlegene Fidesz einem Neubeginn entgegen. Es kommen viele neue Gesichter – auf beiden Seiten.
Gleich auf der Konstituierung der 10. Ungarischen Nationalversammlung am 9. Mai 2026 soll der 45-jährige Péter Magyar, Vorsitzender der siegreichen Tisza-Partei, zum Ministerpräsidenten Ungarns gewählt werden. Die Wahl im Parlament, die eine absolute Mehrheit erfordert, gilt als Formalie, denn Tisza nennt 141 der insgesamt 199 Mandatare ihr Eigen, während Fidesz-KNDP nur auf 52 kommt, die Bewegung Unsere Heimat auf sechs Abgeordnete.
Mit großem Elan machte sich der Wahlgewinner gleich daran, Personalentscheidungen anzukündigen, wer alles am Kabinettstisch Platz nehmen sollte. Verblüffend ist, dass sowohl Persönlichkeiten aus dem linksliberalen Lager als auch Experten wie vormalige Fidesz-Parteigänger gleichermaßen beteiligt sind. Besonders exponiert ist der Kanzleramtsminister Bálint Ruff (45), der sich als Kampagnenberater linker und linksliberaler Bürgermeister wie auch des Ministerpräsidentenkandidaten des Jahres 2022 betätigte. In den letzten drei Jahren machte er sich als Kommentator des beliebten Youtube-Kanals „Partizán“ einen Namen. Aber daneben wird die ehemalige Fidesz-Politikerin Anita Orbán als stellvertretende Ministerpräsidentin fungieren. Die 51-jährige wird zugleich auch Außenministerin und kann auf eine lange internationale Karriere zurückblicken, in dessen Rahmen sie auch Energie-Sonderbotschafterin Ungarns war. Unvergessen sind die zahlreichen von ihr organisierten „Energy Forum“ Konferenzen, schon früh warnte sie vor dem russischen Energieimperialismus. Sie galt in der Fidesz als Transatlantikerin und gute Netzwerkerin, doch hat sie sich von ihrer alten Partei verabschiedet. Jetzt kommt ihr Comeback. Der renommierte Verkehrsexperte Dávid Vitézy, vor einigen Jahren noch Staatssekretär im Kabinett Orbán, wird Verkehrsminister. Ebenso war der zukünftige Finanzminister András Kármán bereits schon einmal Staatssekretär bei Viktor Orbán.
Es lohnt sich auch ein Blick auf die Fidesz: Viktor Orbán verkündete, dass er selbst nicht in die Parlamentsfraktion strebe, sondern Platz machen wolle für deren Erneuerung. Er selber wolle als Parteivorsitzender das bürgerliche Lager neu organisieren. Neuer Fraktionsvorsitzender der Fidesz wurde der bisherige Kanzleramtsminister Gergely Gulyás (44), der mit Péter Magyar 2002 zusammen in Hamburg Jus studierte. Der Jurist spricht ausgezeichnet Deutsch und pflegt gute Kontakte in deutsche Unionskreise. Sein Name symbolisiert auch eine Neuentdeckung der deutsch-ungarischen Beziehungen. Die Fidesz-Fraktion versammelt 44 Personen, darunter 25 Neulinge, u.a. einen mehrfachen Olympiasieger, einen berühmten Influencer und auch junge Politiker aus der Budapester Stadtratsfraktion. Die KDNP-Fraktion wird acht Persönlichkeiten umfassen. Noch wichtiger ist vielleicht, wer im Zeichen des Neuanfangs und der Verjüngung von Fidesz nicht mehr ins Parlament kommt: Neben dem als Kommunikationsminister bekannten Antal Rogán werden auch der für die Mobilisierung zuständige Parteidirektor Gábor Kubatov wie auch der Wahlkampfchef Balázs Orbán keine Mandatare. Ebenso verabschieden sich Parlamentspräsident László Kövér, der vormalige Bürgermeister von Debrecen, Lajos Kósa, und auch Vize-MP Zsolt Semjén. Orbán, Kövér und Kósa waren seit 1990 ununterbrochen Parlamentsabgeordnete, nun fällt diese Rolle dem Fidesz-Urgestein Zsolt Németh zu, der somit der Doyen sein wird. Zufall oder nicht: Auch er ist Transatlantiker und gehörte wie Anita Orbán zu den Kreisen des beliebten Außenministers János Martonyi (1998-2002 und 2010-2014).